Für eine menschlichere Gesellschaft. Zum 80. Geburtstag von Günter Brakelmann

Jörg Czwikla - Wahlbezirk 44
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Von Bernd Faulenbach:
Er ist eine bekannte Persönlichkeit. Nicht nur im wissenschaftlichen Raum, sondern auch in der Öffentlichkeit des Ruhrgebietes und weit darüber hinaus. Der aus einer Querenburger Bergarbeiterfamilie stammende Sozialethiker und Historiker Günter Brakelmann, der von den 70er Jahren bis 1996 Professor für christliche Gesellschaftslehre an der Ruhr-Universität war und sich seit mehr als 50 Jahren für die deutsche Sozialdemokratie engagiert.
Brakelmann hatte nie ein Mandat der Partei, erregte aber keineswegs nur im Umfeld der SPD als Protagonist sozialdemokratischer Wählerinitiativen seit Willy Brandts und Helmut Schmidts Zeiten Aufmerksamkeit. Er war zwei Jahrzehnte Mitglied der Grundwertekommission des Parteivorstandes unter dem Vorsitzenden Erhard Eppler und fungierte bei zahlreichen Parteiveranstaltungen, Tagungen und Konferenzen als Referent zu Fragen der Programmatik und der grundsätzlichen Orientierung der Partei. Sein vielfältiges Engagement bezog sich dabei auf seine Heimatstadt Bochum, auf das Ruhrgebiet, das Land NRW und die nationale Ebene, auch auf die Kirche und den Rundfunk – er war Mitglied des WDR-Rundfunkrates und später des Verwaltungsrates.
Die Arbeitsfelder und Interessen Brakelmanns waren und sind weit gespannt. Immer wieder beschäftigt haben ihn Fragen der Mitbestimmung der Arbeitnehmer und der Humanisierung der Arbeitswelt. „Gute Arbeit“ und Partizipation sind nach wie vor Kernfragen der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften. Noch heute ist Brakelmann 11. neutraler Mann im Aufsichtsrat eines montanmitbestimmten Unternehmens. Umgetrieben hat Günter Brakelmann auch die Friedensproblematik. Für manche überraschend nahm er Ende der 70er und in den frühen 80er Jahren Partei für Helmut Schmidt und gegen die Friedensbewegung. Frieden betrachtet der Sozialethiker als einen ständigen Prozess, bei dem die friedliche Gesinnung nicht reicht, sondern die Realitäten und Probleme nüchtern in Rechnung zu stellen sind.
Brakelmann war einer der Autoren des vieldiskutierten Papiers der Grundwertekommission „Die Arbeiterbewegung und der Wandel des gesellschaftlichen Bewusstseins und Verhaltens“, mit dem die Sozialdemokratie in den frühen 80er Jahren die neueren sozialen Bewegungen und ihre Themen – Ökologie, AKW, Frauen- und Friedensfrage – als Herausforderungen begriff und eine programmatische Neuorientierung einleitete, die schließlich in der Verabschiedung des Berliner Programms 1989 gipfelte.
Günter Brakelmann hat sich in sehr selbstständiger Weise zu vielen großen Zeitfragen geäußert. Zugleich mischte er sich konkret in die Politik ein, etwa in Wahlkämpfen und bei aktuellen Auseinandersetzungen. Er repräsentiert den Typ des politischen Professors. Wissenschaft und staatsbürgerliche Verantwortung verlangen aus seiner Sicht Parteinahme für eine menschlichere Gesellschaft, die durch die soziale Demokratie zu realisieren ist.
Quelle: Vorwärts NRW: Ausgabe 09/2011