Drei Fragen an Prof. Dr. Bernd Faulenbach

1) Was geschah am 1. September 1939?

Am 1. September 1939 griffen Wehrmacht, Luftwaffe und Kriegsmarine NS-Deutschlands den Nachbarstadt Polen an. Zwar versuchte Hitler das deutsche Vorgehen mit einem angeblichen Angriff polnischer Streitkräfte auf den deutschen Sender Gleiwitz zu begründen. „Ab 5.45 wird jetzt zurückgeschossen“, erklärte Hitler in einer Rundfunkansprache. Tatsächlich handelte es sich um einen von der deutschen Führung längst vorbereiteten, durch den Hitler-Stalin-Pakt ermöglichten Krieg, der sich schrittweise zum Zweiten Weltkrieg entwickelte und unermessliches Leid über die Menschheit brachte: Ca. 58 Millionen Menschen kamen in diesem Krieg, mit dem verknüpft entsetzliche Mordaktionen wie der Holocaust durchgeführt wurden, auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen um, Abermillionen wurden verletzt, verloren  Hab und Gut und litten fortan unter den Traumata des Krieges. Das Geschehen hat sich in die Erinnerung der Völker tief eingeprägt.

 

2) Welche Bedeutung hat dieses Geschehen für uns heute?

Der 1. September wird traditionell in Deutschland und in anderen Ländern als Antikriegstag begangen. Auch wenn dieser Tag vor allem bei runden Jahrestagen gewürdigt wird, so ist er gerade auch heute für uns Anlass, nach den tieferen Ursachen des Geschehens zu fragen, nach der NS-Machtübernahme, nach den Charakteristika des Nationalsozialismus, der in besonderer Weise sein Wesen im Zweiten Weltkrieg entfaltete. Ziel der Kriegspolitik des Nationalsozialismus war keineswegs „nur“ die Revision des Versailler Vertrages, sondern die Durchsetzung deutscher Hegemonialherrschaft über Europa auf rassistischer Basis mit dem Mittel von Eroberungs- und Vernichtungspolitik. Wir haben es hier mit extremstem Nationalismus zu tun.

Gottlob sind die Verhältnisse heute andere als damals. Ich sehe keine neue NSDAP. Dennoch muss es uns nachdenklich stimmen, dass in vielen Ländern – auch bei uns – der Nationalismus verbunden mit einem Illiberalismus erheblich an Boden gewinnt. Alle Demokraten, die die Erfahrungen der Geschichte ernstnehmen, müssen diesen Tendenzen entschieden entgegentreten. Die großen Probleme unserer Zeit lassen sich nur gemeinsam – zusammen mit den Nachbarn, d.h. übernational – lösen. Der 1. September fordert uns auf, in diesem Sinne verantwortlich zu handeln.

 

3) Du bist Vorsitzender des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“. Welche Aufgaben hat dieser Verein – und kann man da mitmachen?

Der Verein wurde 1993 von dem kürzlich verstorbenen früheren SPD-Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel, unterstützt von dem Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten Heinz Putzrath zusammen mit einigen Repräsentanten anderer Parteien auf dem Hintergrund ausländerfeindlicher Aktionen jener Jahre aus Sorge um die politische Kultur unseres Landes gegründet. Er verfolgt das Ziel, die Erfahrungen der jüngsten Geschichte, insbesondere der NS-Zeit und des Krieges, vor allem auch die Erinnerungen an NS-Verbrechen und ihre Opfer, an Widerstand und Verfolgung, wachzuhalten. Ihn leitet die Überzeugung, dass die Grundlagen unserer Demokratie, das Wertesystem des Grundgesetzes, auf dem konsequenten Bruch mit dem Nationalsozialismus und aller totalitären Politik basiert, zugleich aber aus den freiheitlichen Traditionen deutscher und europäischer Geschichte resultiert. Die Erinnerung an die Geschichte ist deshalb verbunden mit dem Engagement für die heutige Demokratie. Dies bedeutet auch, dass der Verein sich mit Problemen der Demokratie, etwa mit dem Extremismus und dem Populismus, auseinandersetzt.

Bürgerinnen und Bürger, die diese Grundanliegen teilen, sind herzlich eingeladen, Mitglieder des Vereins zu werden, an unseren vielfältigen Veranstaltungen teilzunehmen, bei Projekten mitzumachen und Aktionen zu unterstützen. Der Verein ist bundesweit vertreten. Die Regionalgruppe Ruhr-Mitte ist in Bochum zu Hause (christopher.kirchberg@nullrub.de), die Zentrale hat ihren Sitz in Berlin (Stauffenbergstr. 13-14, 10785 Berlin; www.gegen-vergessen.de).